"The Best Ice Cream In The World"
Ein Plauderstündchen mit einem Branchen-Quereinsteiger der verführerischen Art.

Amerika: "Zwei Passanten stehen an einer Kreuzung. Eine Luxuslimousine hält. "Siehst Du?", meint der eine, "so einen Wagen fahre ich irgend wann mal aucht!"
Österreich: "Auch hier stehen zwei an einer Kreuzung: Und auch hier fährt ein Straßenkreuzer vor. Mit scheelem Blick bemerkt einer von ihnen: "Da, schau! Wie kann der sich diesen Wagen wohl leisten?"
"Erkennst Du den Unterschied?" Der mich das fragt und der mir in einem Keller-Gewölbe-Büro, direkt unter seinem "Opern Cafe", dem - sicher subjektiv gesehen - wohl schönsten und größten Kaffeehaus in Graz, gegenübersitzt, ist Charly (Karl) Temmel.
Vor gerade mal zwei Minuten haben wir uns zum ersten Mal gesehen, oben im Cafe, wo mich der schlank gewachsene Endvierziger abholt. Ein wohltuend kräftiger Händedruck zur Begrüßung vermittelt mir den ersten positiven Eindruck. Kaum habe ich Platz genommen, will der trotz Jetlag (vor knapp zwei Stunden erst aus LA gelandete) putzmuntere Mann mit dem so freundlichen Gesicht und einer grauen Haarpracht, die mich unweigerlich an einen Mix aus der von Bill Haley und Herbert von Karajan erinnert, meinen Vornamen wissen. Und unvermittelt folgt ein herzliches "Servus! Ich bin Charly!"
Ist das nun "The American Way of Life"? Hat man den nach "nur" acht Jahren Übersee so einfach drauf? Oder ist das nur einfach aufgesetztes Showbiz?
Nun, der Händedruck allein ist es nicht, der diesen flüchtigen Verdacht rasch widerlegt. Vielmehr sind's der offene Blick, und die lockere Art, mit der Charly Temmel beginnt, seinem vorerst leicht irritierten Gegenüber einen erstaunlichen beruflichen Werdegang zu erzählen. Und ich bin fast enttäuscht, dabei nicht denselben typischen Akzent zu vernehmen, wie er für einen von Temmels besten Freunden, für Arnold Schwarzenegger, Kaliforniens muskelbepacktem Governor, so signifikant ist. Schließlich stammt mein Gesprächspartner doch wie der Terminator auch aus der "Grünen Mark". Und schließlich sind ja beide von dort ausgewandert, ihr Glück zu versuchen, in jenem Land über dem großen Teich, welchem noch heute die Legende nachhängt, man könne es dort leicht zu etwas bringen - und sei's vom Tellerwäscher zum Millionär! Aber lassen wir nun Charly Temmel zu Wort kommen, um zu vernehmen, wie er selbst über diesen Mythos denkt:
"Es war vor achteinhalb Jahren. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich in Amerika. Mit einem Freund bin ich für nur vier Tage nach Los Angeles geflogen. Und ich hatte ein biß'l Angst. Man hört(e) hier in Europa so viel Schlechtes über Amerika: Banden, Raubüberfälle, Mord und Totschlag und dergleichen. Doch ich war sofort fasziniert. Eine Stadt, so groß wie Kärnten und mit fast doppelt so vielen Bewohnern, wie ganz Österreich sie hat. Die unzähligen himmelhohen Häuser, das fast unüberschaubare Lichtermeer, das sich einem nachts bietet, der Ozean vor der Haustüre ..., toll, einfach toll!"
"Doch daß es hier nirgendwo auch nur einen einzigen Eissalon gibt,", kommt Temmel schnell auf's Thema zu sprechen, "ist mir natürlich rasch aufgefallen. War und ist Eis, besser Eis machen, ja meine Profession. Damals noch allein in Graz!"
"Für völlig verrückt hat mich meine Frau erklärt! Vielleicht nicht ganz zu Unrecht, als ich ihr - gerade aus L.A. zurückgekehrt - zu verstehen gab, daß ich mich' entschlossen hatte, Amerika künftig mit "The Best Ice Cream In The World" zu beglücken!"
Temmel, der zu diesem Zeitpunkt in Graz bereits sehr erfolgreich einige Eissalons unterhielt, "Sturm-Präsident" und Stadtparteiobmann-Stellvertreter war, ließ sich jedoch von seiner einmal getroffenen Entscheidung nicht mehr abbringen. "Geld hab' i g'habt!", fährt er ohne einen Anflug von Verlegenheit fort (das nun ist der zweite Verdachts moment hinsichtlich dem "American Way Of Life"), "Weißt' was? Gutes Geld mit gutem Eis kann ich auch da drüben machen! Zudem suche ich immer wieder (neue) Herausforderungen. Und den Amerikanern setze ich in Kalifornien einen Eissalon hin, mit bestem Eis, so wie in Graz, mit toller Präsentation, so wie in Graz, wo sie sich hinsetzen, das gute Eis genießen können. So wie in Graz!"
"In der 'Third Street Promenade', einer der belebtest'n Straßen Santa Monicas, hab' i das passende Lokal entdeckt, bin noch ein paar mal hin und her g'flogen, hab' meinen Tischler aus Fladnitz mitg'nommen, drüben einen Architekt'n engagiert und begonnen, einen wuuunder­schööönen Eissalon zu baun. So ein', wie ihn die da drüben noch nie g'sehn habn. Mit traumhaft schönen Vitrinen, net solchen Kist'n, wie's die da drüben sonst habn. I hab' die Eismaschinen mit dem Schiff aus Italien kommen lass'n. Und i hab' mei' Eis präsentiert, i sag' Dir, so toll! Und i hab' schon nach einer Stund' g'sehn, daß i total falsch lieg'!"
Mit Verzicht auf weiteren, wenn auch dramaturgisch recht interessanteren O-Ton setze ich nun aber Charly Temmels weitere Schilderungen wieder in Schreibschrift fort:
"Ich habe etwas gemacht, das die Amerikaner überhaupt nicht kennen, was sie auch nicht verstehen - damals schon gar nicht! Frozen Joghurt, weißt' eh, keine Kalorien, kein Fett, kein Geschmack. Alles aus dem Supermarkt, das kennen die. Auf meine Vitrinen - ich schwör's Dir ­ da haben die sich drübergelehnt, wollten wissen, was dies und das ist, wollten kosten, von diesem und jenem. Also, ich hatte wirklich nach einer Stunde gewußt, daß ich so gut wie alles falsch gemacht hatte. Lokal falsch eingerichtet, artfremde Ware und die falsch präsentiert!"
Amerikanisches Eis, wenn man solches als Speiseeis bezeichnen darf, wird den Amerikanern durch ein verschließbares Guckloch, wie wir solches von Bahnhofsschaltern kennen, durchgereicht. Eine Art Hygienehysterie (Anmerkung des Autors).
"Die Mentalität der Amerikaner, das System - ja, ich habe alles falsch gemacht! Der Amerikaner kennt das nicht, in ein Cafe zu gehen, sich hinzusetzen, Kaffee zu trinken, Eis zu essen mit Silberlöffel aus einem schönen Becher, sich Zeit zu nehmen, zu genießen. Ich hatte viel riskiert, Geld investiert und natürlich war für mich ganz klar, jetzt nicht einfach wieder heimgehen zu können!"
"Ich hatte", setzt Temmel fort und man sieht's ihm an, daß ihn dieses Anfangsfiasko noch heute beschäftigt, "viel Geld von meinen sieben Geschäften hier abgezogen. Weil ich von etwas überzeugt war und weil ich eben ein Sturschädel bin, der durchsetzt, was er sich einbildet, haben oder erreichen zu müssen. Und die Banken hier hatten mich gewarnt: Selbst ein "Hendl-Jahn", viel, viel größer als ich, hatte es nicht geschafft mit seinen "Wienerwald"-Restaurants. Svarowski hatte Probleme und es gab noch eine Menge andere Unternehmen, selbst große Konzerne, die mit ähnlichen Schwierigkeiten konfrontiert waren. Nicht alle haben's geschafft; Meist, weil sie die Amerikaner - und das sind ganz andere Menschen als wir - einfach nicht verstanden haben. Hinzu kommen Gesetze und behördliche Auflagen, mit denen so mancher überfordert ist (siehe Bahnhofsschalterguckloch). Hätte ich nicht den Rückhalt hier aus Graz gehabt, ich hätte es nicht geschafft!"
Jetzt kommt Charly auf das seiner Meinung nach Wesentlichste zu sprechen: "Wären meine Frau, mein Sohn - Familie ist das Wichtigste, verstehst Du? - nicht gewesen, hätte ich nicht auch hier meinen Rückhalt gehabt, es hätte in einer Katastrophe geendet!", läßt er mich wissen. Dabei schaut er mir fest in die Augen und ich bin sicher, er meint, was er sagt. Wie überhaupt ich mich freue, doch wieder einmal auf einen gestoßen zu sein, der jetzt nicht den großen Zampano spielt, bloß, weil er's dann doch irgendwie geschafft und jetzt Erfolg hat, vielmehr auf einen, der auch seine Fehler zugibt - ganz ohne Effekthascherei. "Glück gehört auch dazu!", wie bestellt untermauert Temmel jetzt noch meinen Eindruck.
"Ich hatte also noch einmal investiert, hatte den Eissalon von heute auf morgen umgebaut, in ein Restaurant, in dem man als Dessert auch Eis bekommt. Dann ist es besser gegangen - weil die Leute auch ihren Hamburger bekommen hatten!"
"Nicht nur die Lebensmittelgesetze in Amerika machen Probleme, lassen all das nicht zu, was Du hier kennst, es ist auch unheimlich schwer für ein Restaurant, eine "Alcohol-License" zu bekommen - und es dauert!"
"Acht Wochen drüben, sieben bis zehn Tage in Graz - das ging lange so. Irgend wann mal, so nach zweieinhalb Jahren, hat es aber funktioniert und das Restaurant fing an, gut zu laufen. Das Frühstück war gut, das Essen ausgezeichnet und so nach und nach hatte sich auch das Eis herumgesprochen. Immer mehr Leute hörten davon, hatten es probiert und weiterempfohlen. Noch in der schlechten Zeit der ,Third Street Promenade' folgte ein Lokal am ,Venice Beach', einer berühmten, auch von vielen Hippies frequentierten Straße, wo sich wirklich was abspielt. Das ging fast von Anfang an gut und es kam bald ein weiteres Lokal hinzu. Und ein biß'l Glück!"
Ich wechsle nun das Thema: "Das ,Schatzi On Main' wie kam's damit?", spiele ich auf jenes berühmte Restaurant an, von dem ich zu wissen glaube, dass es Temmels Landsmann, ,Aaahhrnie-wiss-si­äxent-Schwooorzenägga', gehört.
"Ich kannte Arnold aus Graz, mehr eigentlich seine Mutter, Aurelia, die immer in den ,Kaiserhof', unser früheres Cafe, kam. Auch Arnold kam immer, wenn er in Graz war, denn er liebt Eis und Mehlspeisen. So hat er uns auch drüben besucht. Das 'Schatzi On Main' - Schatzi nennt er seine Frau Maria (und jetzt weiß auch ich woher das Lokal seinen Namen hat) - hatte ich'dann eines Tages von ihm gepachtet. Vorerst mal für 15 Jahre. Dem gingen aber viele Besuche meiner eigenen Lokale in Kalifornien, von denen Schwarzenegger, den ich zuvor nur gerade mal vom ,Grüß Gott!' kannte, erfahren hatte, voraus. Irgend wann wurden wir dann handelseins. Fortan war und seitdem ist er, Gast im eigenen Haus. Regelmäßig. Denn über dem Lokal hat er sein Büro, empfängt dort laufend prominente Persönlichkeiten (Melanie Griffith, Antonio Banderas, David Carradine, Niki Lauda u.v.a.) und kommt mit ihnen zu Lunch und Dinner ins ,Schatzi'!"
Nun, ich konnte im Grazer ,Opern Cafe' eine Unmenge an dort ausgestellten Bildern sichten, die Temmel mit allen nur denkbaren VIPs zeigen, VIPs nicht nur aus Hollywood, auch aus Politik, Sport, Kunst etc. Und auch die Besucher des Cafes hier in Österreich rekrutieren sich aus solcher Szene. Doch zurück nach L.A.:
"Das ,Schatzi On Main' führe ich nun seit sechs Jahren!", setzt Temmel gleich wieder ein und - zugegeben - ich habe bei diesem Plauderstündchen kaum eine Chance, zwischendurch oder überhaupt anderes zu fragen. Aber sein Monolog ist spannend und eigentlich ist es ja recht angenehm, zu hören, was er erzählt, ihm einfach nur zuzuhören. Eingedenk der verbalen Inkontinenz meiner verehrten Schwägerin auch nicht so leicht zu erschüttern, lasse ich also Charly Temmels Redefluß gerne über mich "ergehen". Schließlich erfahre ich so vielleicht mehr, als durch die üblichen Fragen. "Ins 'Schatzi' kommt ein jeder, der Kalifornien besucht, egal wo er herkommt. Und ­ ich will mal ganz ehrlich sein - natürlich ist mir Arnolds Freundschaft auch geschäftlich von großem Nutzen. Das weiß er auch. Das tut unserer Freundschaft aber keinen Abbruch!"
"Das Lokal ist ein Raucherlokal, im Außenbereich, nicht drinnen. Ein Mal im Monat, am ersten Montag, ist sogar 'Cigar Night'!" ("Na also!", denke ich, "Doch ein bisschen Arnies Einfluss!", denn wer kennt nicht die unerlässlichen halbmeterlangen Torpedos in des Governors Mundwinkel? Hasta la vista, Baby!) "Das Restaurant hat einen ,Fire Place', eine Lounge und auf einer riesigen Leinwand werden beispielsweise Sportübertragungen gezeigt. Das Lokal geht einfach super! Jede Menge Stars, sogar Buz Aldrin (der zweite Mann am Mond) and wife hatte ich schon zu Gast!"
,Jetzt!', denke ich, ,Jetzt schnell ein Zwischenruf!' und ich sprudle meine Fragen nur so hervor: "Und das Eis? Was macht jetzt das Eis? Wie geht's weiter? Was macht derweilen Graz? Wie funktioniert das - beides miteinander? Wie soll die Zukunft aussehen? Kommt manchmal Heimweh auf? Wie ...?"
"Heimweh? Nein! Ich bin doch alle paar Wochen für einige Tage da! Da geht das auch mit Graz sehr gut, denn ich habe hier ganz ausgezeichnete und motivierte Mitarbeiter!" (Stimmt! Hatte ich zuvor im Cafe schon festgestellt. Mein lieber Mann, da könnte sich so manch anderes Personal was abschauen!) "In all meinen Geschäften habe ich Partner, zum Beispiel hier, im Opern Cafe, meinen Direktor, Erich Mellacher. Am Hauptplatz und am Jakominiplatz meinen Prokuristen, Erich Wurzinger. Im Hauptgeschäft, in Puntigam, meinen Cousin, Manfred Temmel. Cousin Wolfgang Temmel führt den Eissalon in der Herrengasse und mein Bruder Willy verantwortet die Eisproduktion in Amerika. Alle sind sie Partner und auf alle kann ich mich tausendprozentig verlassen!"
"Das Eis habe ich begonnen, zu industrialisieren. Ich verkaufe die verschiedensten Sorten jetzt schon über zahlreiche Märkte und - eines Tages - wird ganz Amerika es kennen: Charly Temmels Best Ice Cream In The World! Soweit zur Zukunft!"
Dann jedoch lenkt Temmel, gerade noch im Brustton der Überzeugung, zu meinem Erstaunen ein: "Zu allem gehört Glück! Und ich mache sicher nicht das beste Eis. (!?) Hunderte von Konditoren, ob in Österreich, ob in Europa, machen gleich gutes, frisches Eis, nur mit natürlichen gesunden Zutaten. Der eine oder andere macht sicher auch noch besseres Eis - nur: Ich habe meine Geschäfte am richtigen Fleck, Mitarbeiter, denen ich vertrauen kann und die mir wichtig sind, und ich habe eine Familie, die zu mir und hinter mir steht! Das ist doch Glück - oder? Ich bewundere viele Bäcker, Konditoren, Kaffeehaus- und Eissalonbesitzer und Gastronomen, die da 'schöpfen' von früh bis spät, Knochenarbeit leisten. Nur leider ­ das Geschäft hat halt keine gute Lage. Zum Erfolg gehört auch viel Glück und der Himmelvater hat's immer gut mit mir gemeint!"
In Charly Temmels Weltbild scheint Eigenlob nicht wirklich vorgesehen zu sein. Jetzt eröffnet er mir auch noch, dass er ursprünglich Koch gelernt hatte, Gastronom und Cafetier war und Konditorware zukaufen mußte: "Ich hatte keinen Meisterbrief! Ich mußte einen Meister finden und jeder weiß, wie schwer das ist. Ich ziehe den Hut vor jedem guten Konditor, ich weiß welche enorme Leistung, welches Können da dahinter stecken. Konditor ist ein hartes Brot, ein sehr hartes. Zwar fand ich in Puntigam ein Geschäft, das ich kaufen konnte und auch einen Meister, den ich sofort am Geschäft beteiligte - er macht perfekte Arbeit und ich bin auf Karl Glatz mächtig stolz! - doch ich selbst fing an, Eis zu machen!"
Womit wir wieder am Beginn dieser interessanten und beeindruckenden Karriere eines nicht minder erstaunlichen "Branchen-Quereinsteigers" angelangt wären. Was gäb's jetzt noch viel zu sagen, was nicht redundant wäre?
Danke Charly!